venezia_storia

Die Föderative Venetische Republik wurde, wie die Tradition will, im Jahr 466 offiziell mit der feierlichen Ratifizierung eines seit Jahren etablierten Zustandes geboren. Eine notwendige Lösung, um das Lagunengebiet besser gegen alle die Völker zu verteidigen, die, von Osten kommend, im Lauf einiger Jahrzehnte das Hinterland plünderten und zerstörten. Zuerst die Westgoten, dann die Wandalen und 452 die Hunnen Attilas. Im Frühling jenen Jahres zog Attila über die Julischen Alpen in die venetische Tiefebene ein. Sogar Aquileia, eine Stadt, die es an Bedeutung und Reichtum mit Ravenna und Mailand aufnehmen konnte, wurde von ihm eingenommen. Vor dem Einfall Attilas nannte man sie “Die jungfräuliche Feste”; was von ihr übrigblieb, waren ein paar Steine und wenige menschliche Reste. Julia Concordia, Altino, Padua und Oderzo ereilte dasselbe Los. Und die aus diesen Städten geflohenen Menschen suchten Zuflucht auf den Laguneninseln, um sich vor weiterem Unglück in Sicherheit zu bringen. Die Flüchtlinge aus Altino besiedelten sieben Inseln und gaben ihnen die Namen der sieben Tore ihrer Stadt. Die Bewohner Aquileias flüchteten nach Grado, die von Concordia nach Caorle, die von Padua nach Rialto (Rivo Alto) und Malamocco (Metamauco). Am Ende des 5. Jahrhunderts wurde die Föderative Venetsche Republik von Tribunen regiert, die gute Beziehungen mit den Regierenden des Festlands, den Ostgoten pflegten, aber ihre Unabhängigkeit bewahrten. Das gesamte Inselgebiet erfreute sich einer Zeit groäen Wohlstands, was zum Teil der “erleuchteten” Regierung Theoderichs (463 – 526) zuzuschreiben war; die lezten Jahre des 5. Jahrhunderts zeichneten sich durch so gute Beziehungen mit den “Nachbarn” aus, daä 495 Theoderich die auf die Inseln geflohenen Menschen aufforderte, in ihre Heimatstädte des Hinterlands zurückzukehren. Viele folgten dieser Aufforderung. Der schreckliche gotisch-byzantinische Krieg, der 553 mit dem Tod des letzten Ostgotenkönigs Teja zu Ende ging, lieä ein verwüstetes Italien zurück. Nur einige kleine Gebiete waren verschont geblieben: eines davon war die venetische Lagune, die ein fast unüberwindbares Stück Meer und Sümpfe vom Festland trennte. Der venetische Inselbund machte sich dies zu Nutzen, schloä eine feste Allianz mit dem Oströmischen Reich und unterhielt “gut nachbarschaftliche” Beziehunger mit den Resten des einstigen Weströmischen Reiches. Während der Ruhm der Föderation wuchs, wankte die griechische Regierung in Italien und die Langobarden schickten sich an, Italien zu erobern. Einige Historiker sind der Meinung, daä diese erneute Invasion immer mehr Menschen dazu zwang, das festland zu verlassen und in der venetischen Lagune Schutz zu suchen, die als wesentlich sicherer galt. Die Langobarden Alboins zogen im Frühjahr 568 über den Predilpass in den Julischen Alpen nach Italien. Sie breiteten sich in den venetischen Tälern aus, ohne auf Widerstand zu stoäen. Alboin übergeb Cividale seinem Neffen Gisolf, dem ersten langobardischen Herzog in Italien. Die langobardische Invasion führte einen zweiten gewaltigen Flüchtlingsstrom von Oderzo zu den Inseln Equilus (Jesolo) und Melidissa (Heracliana). Wie der Chronicon Altinate berichtet, bauten die neuen Immigranten das Kastell von Exulo (Equilus), das in der Folge alle die aufnahm, die akzeptabel erschienen. 608 kamen Flüchtlinge aus Padua nach Equilus, das vom Langobardenkönig Agilulf angegriffen wurde, und später auch viele Einwohner Altinos, denn als Rothari Oderzo plünderte, ahnte Bischof Paulus von Altino, daä auch für seine Stadt die Stunde gekommen war. 579 beschloä die venetisch-istriche Biscofssynode die Verlegung des Bischofssitzes von Oderzo nach Melidissa. Infolge einer der regelmääig wiederkehrenden —berschwemmungen der Piave verwandelte sich Melidissa im Jahr 589 in eine Halbinsel. Nach dem Einfall Alboins wurde die Situation für die Orte des Hinterlands untragbar. Bereits gegen Ende des 6. Jahrhunderts wurden die Beziehungen zu den Invasoren arischen Glaubens immer gespannter. Und mit der Ernennung Fortunatos zum Patriarchen von Aquileia (der Sitz war aber inzwischen nach Grado verlegt worden), der sich zum Arianismus bekehrt hatte, verschlechterte sich die Situation für die Küstenzonen zunehmend. Sehr bald kehrte der neu eingesetzte Patriarch Byzanz den Rücken und suchte eine Annäherung an die langobardische Regierung. Der Patriarch von Grado Primigenius war es, der den Ostkaiser um Hilfe bat und in erster Linie die Plünderung der Kirchen beklagte. Byzanz griff indirekt ein: gegen die Langobarden wurde zwar keine offene Aktion unternommen, aber der Patriarch erhielt Kunstgegenstände, Gelt und Schmuck zur Ausschmückung der ausgeraubten Kirchen. Mit der Thronbesteigung Rotharis verschärften sich die langobardischen Repressalien. Das berühmteste Opfer dieser Situation war wiederum Oderzo. Rothari erhielt die italische Krone im Jahr 636: groäer Verwalter und Reformer des Langobardenstaates, erlieä er das berühmte Edikt, das seinen Namen trug. In dieser Zeit war Pavia Hauptstadt des Reichs und Rialto ein bedeutendes Handelszentrum. Die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse waren Getreide und Wein und auf den Bauernhöfen und in den Klöstern wurde Schweine- und Pferdezucht betrieben. Das ganze Mittelalter hindurch waren sie hochgeschätzte Tiere. Ein Hengst war mehr wert als ein Haus und zehn Sklaven zusammengenommen. Der Salz- und Gewürzhandel mit dem Orient erfuhr eine erste Blüte. Die Wirtschaft stagnierte und jede Familie hatte im Durchschnitt nicht mehr als zwei Kinder. Klöster und Kastelle waren die groäen Wirtschaftszentren. Um den religiösen Verfolgungen der Arier zu entgehen, übersiedelte der Bischof von Oderzo Magnus, zusammen mit den bedeutendsten Familien der Stadt nach Melidissa, das inzwischen zu Ehren des Ostkaisers Herakleios (640 gestorben), der die Perser besiegt hatte, den Namen Heracliana bekommen hatte. Kaiser Herakleos war es gewesen, der dem Patriarchen von Grado, Primigenius, Schätze und Gold geschenkt hat, um die von den Ariern geplünderten Kirchen neu auszustatten. Er bekämpfte mit Macht die arische Häresie, war erklärter Verteidiger des Papstes und der Orthodoxie und wurde so zum natürlichen Aliierten der Laguneninseln, die seit jeher durch kommerzielle und politische Beziehungen mit Byzanz verbunden waren. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts war Heracliana die gröäte Stadt des ÷stuars. Hier stand auch die von Magnus erbaute Kathedrale S. Pietro Apostolo und einige Historiker sagen, daä sie 90.000 Einwohner zählte. Brücke zwischen Orient und Okzident unterhielt Heracliana Handels- und diplomatische Beziehungen sowohl mit dem byzantinischen als auch mit dem langobardischen Hof in Pavia. Der Handel mit dem Orient, vor allem mit Byzanz blühte, das durch politische Verträge mit der Lagunenstadt eng verbunden war. Das war auch der Grund, daä sie lange Zeit die Vertreterin der griechischen Interessen in Oberitalien war. Schwierig waren aber nach wie vor die Beziehungen mit den Eroberern des Festlandes. Der Langobardenkönig Grimoald (662-672) befahl die endgültige Zerstörung dessen, was von der alten Stadt Oderzo übriggeblieben war, was eine neue massive Flucht in Richtung Lagune zur Folge hatte. Ein groäer Teil der neuen Flüchtlinge fand Zuflucht in Equilus (nur ein kleiner Teil zog angeblich nach Heracliana und Torcello): nach Meinung einiger Historiker stand die neue Stadt den Langobarden aufgrund der langjährigen Kontakte, die ihre Bewohner mit den “Barbaren” gehabt hatten, sehr nahe. Heracliana unterhielt enge Beziehungen mit dem Ostreich, während Equilus gute Beziehungen mit den Langobarden pflegte. Die kulturellen und politischen Differenzen zwischen den zwei “Mächten” des ÷stuars muäten über kurz oder lang zu einem offenen Konflikt führen: Ende des 7. Jahrhunderts, wie es heiät 690, trafen die Truppen der zwei Städte in einer Feldschlacht aufeinander, deren Ausgang zugunsten Heraclianas entschied. Spuren dieser Schlacht wurden zu Beginn dieses Jahrhunderts von einigen Arbeitern gefunden, die die Fundamente für ein Pumpwerk im Zuge der sogenannten “Trockenlegung Ongaro” legten. Man schrieb den Monat Oktober des Jahres 1903 als in der Nähe des heute als “Valle Ossi” (Knochental) zu Dutzenden aufgereihte menschliche Skelette gefunden wurden: alles was von den jungen Menschen in der Schlacht zwischen den beiden Städten übriggeblieben war. Was zusätzlich das Leben der Laguneninseln erschwerte, waren die dalmatischen Piraten, deren unermüdliche Raubzüge die Osthandelsrouten unsicher machten. Die Lage verschlechterte sich immer mehr und 697 wurde in Heracliana in der Kathedrale S. Pietro Apostolo eine allgemeine Versammlung einberufen. Patriarch, Adel und “Volk” beschlossen, daä es in einem für das weitere Schicksal so ernsten Augenblick geboten war, einem einzigen Manne die Zügel der Regierung in die Hand zu geben, der von allen Bürgern, wessen Standes auch immer, zu wählen war. Erster Doge wurde Paulutius Anafestus und Heracliana offizieller Amtssitz des Dogen. Damit wuchs seine Bedeutung und es entwickelte sich zu einem wichtigen und lebendigen Handelshafen. Unter der erleuchteten Regierung der Dogen erlebte Heracliana eine Zeit groäer Pracht und eng mit dem byzantinischen Alliierten verbunden, zog es von Sieg zu Sieg. Von dem veränderten politischen Verwaltungssystem des Inselbundes wurde dem Ostkaiser Justinian II. Und dem Papst offizielle Mitteilung gegeben. Paulutius war es auch, der einen Vertrag auf Zeit mit dem Langobardenkönig Liutprand schloä. Er starb 717 in einer der vielen Schlachten mit Jesolo und Malamocco, die miteinander verbündet waren. Später kam es zu neuen Konflikten, die die Schlachten 736 in Valle Ossi und 741 in Torre del Caligo auslösten. Die immer blutigeren Auseinandersetzunen zwischen den zwei Rivalen zogen sich mit welchselhaftem Ausgang bis zum Ende des Jahrhunderts hin, die die zwei Städte an den Rand des Ruins brachten. Durch den von Piave und Sile angeschwemmten Schutt wurde die Schiffahrt in der nördlichen Lagune, wo die Insel Melidissa lag, immer schwieriger und gefährlicher, weshalb Doge Deusdedit 742 beshloä, den Sitz der Dogen nach Malamocco zu verlegen. Dieser Entschluä bedeutete, daä Heracliana seiner Machtstellung verlustig ging und ein rasches Aufstreben Malamoccos und der umliegenden Inselchen begünstigte, was viele Einwohner Jesolos zur Einwanderung bewog. Die ohnehin schon tragische Lage wurde durch einen massiven Einfall der Franken zusätzlich verschlimmert.